Mit der Honda Bol d’Or in die Dolomiten – Die Krauser Tour 1983
Das Jahr 1983: Die Honda, die Freiheit und die Routine
Mit zarten 26 Jahren hatte ich die Honda CB 750 Bol d’Or bereits einige Jahre unter mir. Der Reihenvierzylinder war mehr als nur ein Fortbewegungsmittel; er war ein Versprechen auf Leistung und, vor allem, auf unerschütterliche Zuverlässigkeit. Ich hatte mich an den turbinenartigen Sound und das präzise Handling der Bol d’Or gewöhnt – doch die ganz große Flamme des Abenteuers fehlte noch.
Mein Schwager Bernd, der ebenfalls eine Honda fuhr, brachte die Idee. Er fragte: „Kommst du mit nach Canazei in Italien?“
Die Reise sollte weit mehr sein als nur ein Kurztrip. Sie war der Kern einer einwöchigen Motorradreise: Zuerst drei Tage Urlaub in St. Johann in Österreich und anschließend die berühmte, von Krauser organisierte, dreitägige Ausfahrt durch die Berge Italiens.
Die Mammut-Etappe: 900 Kilometer bis zur Basis
Die Vorbereitung war logistisch anspruchsvoll: Bernd und seine Frau auf einer Honda, meine Frau und ich auf meiner Bol d’Or – Gepäck für eine ganze Woche musste sicher verstaut werden.
Die drei Tage St. Johann: Pause vor dem Sturm
Nachdem wir die 770 Kilometer erfolgreich gemeistert hatten, verbrachten wir drei erholsame Tage in St. Johann. Es war die perfekte Vorbereitung, um die Muskeln zu lockern, die Köpfe freizubekommen und sich auf den anspruchsvollen Teil der Reise einzustimmen.

Nachdem wir ein paar Tage in St Johann gechillt hatten, ging es hier weiter nach Canazei.
Die Strecke bis zur Basis in Canazei war kein großes Ding mehr. Knapp 230 Kilometer in einem Ritt, nur unterbrochen von den obligatorischen Tank- und Essenspausen. Die Bol d’Or zeigte sich unbeeindruckt. Der Motor fräste souverän die Kilometer ab. Jede Stunde auf dem Sattel, jedes gemeinsame Ankommen – das war die pure, entschlossene Essenz des Reisens auf zwei Rädern.
Die Krauser-Exoten: Vierzylinder im Boxer-Land
Als wir schließlich in Canazei ankamen, stellten wir fest, dass wir mit unseren hochgezüchteten Vierzylindern einmal mehr in der Minderheit waren.
Krauser, der Organisator der Tour, war der Zubehör-Spezialist für BMW Boxer-Maschinen. Der Parkplatz sah aus wie ein Treffen der süddeutschen Motorrad-Elite: Tiefe, dumpfe Boxer-Geräusche dominierten die Akustik. Unsere Hondas, die leise surrenden, hochdrehenden Reihenvierer aus Japan, waren die Exoten. Wir waren die jungen Wilden, die mit ihren zuverlässigen Asien-Importen in das traditionelle europäische Revier eindrangen.








Dort in Canazei trafen wir noch ein befreundetes Pärchen, was die Gruppe für die kommenden Pässefahrten perfekt machte.
🏔️ Die finale Infektion: Drei Tage Pass-Magie
Die drei Tage Krauser Tour durch die Dolomiten waren der Wendepunkt. Wir fuhren die schönsten und herausforderndsten Pässe, die die Alpen zu bieten haben.
Die Vierzylinder verlangten nach Drehzahlen und belohnten uns mit einer berauschenden Beschleunigung aus den Serpentinen heraus. Ob Steigung, Abstieg oder Kurvenkombination – die Honda steckte alles weg. Die Konzentration, die Schönheit der Berge, das perfekte Zusammenspiel von Mensch und Maschine, und die Gewissheit, dass die Technik bedingungslos mitmachte:
In diesen 72 Stunden, in denen sich die Freiheit der Straße mit der Kameradschaft und der Zuverlässigkeit der Bol d’Or verband, war es nicht nur eine Reise – es war die komplette und finale Infektion.
Dieses Erlebnis, die Kombination aus überstandener Langstrecke, alpinem Abenteuer und dem Gefühl der Zugehörigkeit, besiegelte das Schicksal: Der Motorrad-Virus hatte mich vollkommen gepackt. Die Flamme, die 1983 in den Dolomiten entfacht wurde, brennt bis heute ungebrochen weiter.
© by Rudi Geiss

