Der Blick auf den österreichischen Motorrad-Riesen KTM (Teil der Pierer Mobility AG) zeigt aktuell ein Bild voller Kontraste: Auf der einen Seite steht technische Brillanz und Dominanz im Motorsport, auf der anderen Seite kämpft das Unternehmen mit der heftigsten wirtschaftlichen Turbulenz seit der Fast-Insolvenz Anfang der 90er-Jahre.

Hier ist ein ausführlicher Lagebericht zur Situation von „Ready to Race“:
1. Die wirtschaftliche Lage: Ein harter Sparkurs
Nach den Rekordjahren während der Pandemie, in denen die Nachfrage nach Outdoor-Hobbys explodierte, ist KTM in eine wirtschaftliche Schieflage geraten.
- Absatzkrise: Vor allem in den Kernmärkten USA und Europa ist die Nachfrage eingebrochen. Hohe Zinsen und die Inflation lassen viele Käufer zögern, 15.000 € oder mehr für ein Hobby-Fahrzeug auszugeben.
- Lagerbestände: Die Händler sitzen auf vollen Lagern. Um diese abzuverkaufen, muss KTM hohe Rabatte gewähren, was die Gewinnmarge massiv drückt.
- Personalabbau: Im Jahr 2024 und bis in das Jahr 2025 hinein musste das Unternehmen Hunderte Stellen am Standort Mattighofen abbauen. Zudem wurde die Produktion teilweise gedrosselt, um die Überkapazitäten abzubauen.

2. Produktion: Die Verlagerung nach Osten
Um Kosten zu senken, strukturiert KTM die Produktion radikal um:
- Fokus Mattighofen: Das Stammwerk in Österreich konzentriert sich zunehmend auf die Premium-Modelle (wie die 1390 Super Duke R oder die großen Adventure-Modelle) sowie auf die Forschung und Entwicklung (F&E).
- Partnerschaft mit Bajaj & CFMOTO: Die Produktion der Einstiegs- und Mittelklasse-Modelle (Duke 125 bis 390 und die neuen 790er/890er-Reihen) findet mittlerweile fast vollständig in Indien (Bajaj) und China (CFMOTO) statt. Dies ist strategisch notwendig, um preislich gegen die aufstrebende Konkurrenz aus Fernost bestehen zu können.
3. Die Marken-Strategie: Das „Haus der Marken“
KTM agiert nicht mehr allein. Unter dem Dach der Pierer Mobility AG wurden weitere Marken integriert, was Fluch und Segen zugleich ist:
- Husqvarna & GasGas: Diese Marken nutzen oft dieselben Motoren und Rahmen wie die KTM-Modelle („Platform Sharing“). Das spart Entwicklungskosten, führt aber dazu, dass sich die Marken gegenseitig Käufer wegnehmen.
- MV Agusta: KTM hat die Kontrolle über die italienische Kultmarke übernommen. Das Ziel ist es, im absoluten Luxus-Segment Fuß zu fassen und MV Agusta durch das weltweite KTM-Händlernetz zu pushen.

4. Qualitätsprobleme: Ein Kratzer im Image
In den letzten zwei Jahren musste KTM vermehrt Kritik von Kunden einstecken.
- Nockenwellen-Thematik: Besonders bei den 790/890er-Motoren gab es Berichte über vorzeitigen Verschleiß an den Nockenwellen. Das Management hat hier spät reagiert, was in Foren und sozialen Medien zu einem Imageverlust führte.
- Elektronik: Die hochkomplexen Systeme der neuen Modelle sind zwar Weltklasse, aber auch anfällig für Software-Bugs, was die Werkstätten fordert.
5. Motorsport: Das Aushängeschild
Trotz der Krise bleibt KTM im Rennsport eine Macht.
- MotoGP: KTM ist der einzige Hersteller, der den Dominatoren von Ducati wirklich gefährlich werden kann. Mit Fahrern wie Brad Binder und dem Wunderkind Pedro Acosta zeigt KTM, dass die technologische Basis „Ready to Race“ ist.
- Offroad: Hier bleibt KTM ungeschlagen. Ob Rallye Dakar oder Motocross-WM – die Marke in Orange ist nach wie vor der Standard, an dem sich alle anderen messen müssen.
Fazit: Wie steht es um die Zukunft?
KTM befindet sich in einer Transformationsphase. Das Unternehmen räumt gerade die Altlasten der Überproduktion auf und stellt sich schlanker auf. Die Marke ist technologisch führend, muss aber den Spagat schaffen zwischen „Premium-Preisen aus Österreich“ und einer „Produktion in Asien“, ohne dabei das Vertrauen der Stammkunden in die Qualität zu verlieren.
Die gute Nachricht für dich als Biker: Wenn du jetzt eine KTM kaufst, kannst du aufgrund der Lagersituation oft extrem gute Deals und Rabatte heraushandeln, die es vor drei Jahren noch nicht gab.
© by Rudi Geiss

