Das Motorradfahren hat sich verändert – aber ich nicht?

Warum ich heute anders Motorrad fahre als früher.

Manchmal sitze ich auf meinem Motorrad, fahre irgendwo durch die Gegend und denke mir:

Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert. Dann komme ich nach Hause, stelle die Maschine in die Garage und merke:

Doch. Eigentlich hat sich verdammt viel verändert.

Nicht unbedingt das Motorradfahren selbst. Die Freude am Fahren ist immer noch da. Der Moment, wenn der Motor startet, der erste Kilometer, eine schöne Kurve und dieses Gefühl, einfach unterwegs zu sein – das ist nach wie vor genauso schön wie früher.

Aber meine Einstellung zum Motorradfahren hat sich verändert.

Und das ist wahrscheinlich ganz normal.

Wenn am Ende des Tages 600 oder 700 Kilometer auf dem Tacho standen, war ich glücklich.

Heute sehe ich das etwas anders.

Natürlich fahre ich immer noch gerne lange Strecken. Wer mich kennt, weiß, dass ich auch vor 800 Kilometern an einem Tag nicht zurückschrecke.

Aber mittlerweile ist mir nicht mehr wichtig, möglichst viele Kilometer auf den Tacho zu bekommen.

Ich möchte unterwegs sein. Das ist ein Unterschied.

Eine schöne Straße ist wichtiger als die kürzeste Strecke

Früher war die Navigation für mich hauptsächlich dazu da, von A nach B zu kommen.

Heute darf der Weg ruhig das eigentliche Ziel sein.

Wenn ich irgendwo eine schöne Nebenstrecke entdecke, fahre ich sie. Wenn ich merke, dass eine Straße interessant aussieht, wird eben abgebogen.

Und wenn ich nach zwei Stunden feststelle, dass ich eigentlich noch gar nicht besonders weit gekommen bin, ist das auch egal.

Denn genau dafür fahre ich Motorrad. Ich will nicht möglichst schnell irgendwo ankommen.

Ich will unterwegs sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mir kurvige Landstraßen wesentlich mehr bedeuten als irgendeine möglichst direkte Verbindung.

Das Motorrad ist nicht nur ein Fortbewegungsmittel.

Meine Triumph Thunderbird 1600 spielt dabei natürlich eine ziemlich große Rolle.

Sie ist mit ihren rund 350 Kilogramm sicher kein Fahrrad.

Beim Rangieren merkt man jedes einzelne Kilo. Besonders dann, wenn man mal wieder der Meinung war, dass ein leicht abschüssiger Parkplatz bestimmt kein Problem ist.

Ist es doch. Spätestens beim Rückwärtsschieben. Aber sobald der Motor läuft, sieht die Welt anders aus.

Dieser 1600er Zweizylinder hat einfach etwas. Man dreht am Gasgriff und die Thunderbird schiebt los. Ganz entspannt, ohne Hektik und ohne dass man ständig irgendwelche Drehzahlen im Auge behalten muss.

Und genau dieses entspannte Fahren passt mittlerweile perfekt zu mir.

Ich brauche keine 200 PS. Ich brauche ein Motorrad, das mir ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Das schafft die Thunderbird ziemlich zuverlässig.

Heute will ich länger fahren.

Vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Vielleicht werde ich aber auch einfach vernünftiger.

Wobei ich bei dem Wort „vernünftig“ im Zusammenhang mit Motorradfahren grundsätzlich vorsichtig bin.

Aber tatsächlich hat sich meine Sicht auf das Motorradfahren verändert. Ich muss niemandem mehr beweisen, wie schnell ich eine Strecke fahren kann.

Ich muss auch nicht unbedingt der Erste sein. Und wenn vor mir jemand gemütlich durch die Kurven fährt, bleibe ich eben dahinter, wenn Überholen keinen Sinn macht.

Die Straße läuft schließlich nicht weg. Und das Motorradfahren soll Spaß machen und nicht in Stress ausarten. Das Schönste sind oft die kleinen Dinge.

Was mir heute besonders auffällt:

Die schönen Momente nach einer Motorradtour, ein Kaffee irgendwo an einer kleinen Frittenbude. Ein gutes Essen. Ein Gespräch mit anderen Bikern. Eine schöne Aussicht. Oder einfach zehn Minuten auf einer Bank sitzen und dem Verkehr zuschauen.

Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht:

„Dafür bin ich doch nicht 200 Kilometer gefahren.“

Heute denke ich: Genau dafür bin ich 200 Kilometer gefahren.

Das Motorrad bringt mich an Orte, an denen ich sonst wahrscheinlich niemals landen würde.

Und manchmal ist genau das der eigentliche Sinn einer Tour.

Gemeinsam fahren ist noch einmal etwas anderes. Natürlich fahre ich auch gerne alleine.

Man kann seinen eigenen Rhythmus fahren, muss auf niemanden warten und kann spontan entscheiden, wohin es geht.

Aber gemeinsame Touren haben ihren ganz eigenen Reiz. Man fährt zusammen los, erlebt unterwegs die gleichen Dinge und hat später etwas, worüber man noch lange reden kann.

Und seien wir ehrlich, die besten Geschichten entstehen sowieso meistens nicht während der Fahrt, sondern beim anschließenden Kaffee, oder beim Essen.

Oder wenn einer von uns wieder erzählt, wie er an irgendeiner Kreuzung „ganz sicher“ wusste, wo es langgeht. Und natürlich falsch lag. Das gehört dazu.

Was sich wirklich verändert hat.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es eigentlich gar nicht das Motorradfahren, das sich verändert hat.

Ich habe mich verändert. Ich fahre heute bewusster. Ich genieße die Strecke mehr.

Und ich weiß eine gute Pause inzwischen mindestens genauso zu schätzen wie eine gute Kurve.

Vielleicht liegt das daran, dass man mit den Jahren merkt, dass Zeit etwas ziemlich Wertvolles ist.

Früher wollte man möglichst viel erleben. Heute möchte man die Dinge, die man erlebt, auch genießen.

Und trotzdem bleibt dieses Gefühl.

Es gibt aber etwas, das sich überhaupt nicht verändert hat.

Wenn ich in die Garage gehe, den Helm aufsetze, die Handschuhe anziehe und den Motor starte, ist dieses Gefühl wieder da.

Dieses jetzt geht’s los. Egal, ob ich 50 Kilometer fahre oder 500.

Egal, ob ich alleine unterwegs bin oder mit Freunden. Egal, ob das Ziel die Eifel, die Alpen oder einfach nur das nächste Café ist.

In diesem Moment ist der Kopf frei. Der Alltag bleibt für ein paar Stunden zu Hause.

Und genau deshalb werde ich wahrscheinlich noch lange Motorrad fahren.

Mein Fazit:

Das Motorradfahren hat sich für mich verändert. Aber zum Glück nicht zum Schlechteren. Ich fahre heute vielleicht etwas entspannter, etwas bewusster und wahrscheinlich auch etwas geduldiger.

Aber die Begeisterung ist noch da. Vielleicht sogar mehr als früher.

Denn heute weiß ich, dass es beim Motorradfahren nicht darum geht, möglichst viele Kilometer zu schaffen. Es geht darum, diese Kilometer zu genießen. Eine schöne Straße. Ein guter Kaffee.

Ein paar Kurven. Gute Freunde.

Und am Ende des Tages das Motorrad wieder in die Garage stellen und denken: Das war ein richtig guter Tag. Und genau deshalb freue ich mich schon auf die nächste Tour.

Denn eines hat sich definitiv nicht verändert:

Ich fahre immer noch verdammt gerne Motorrad.

© by Rudi Geiss

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