Unsere Fellnase

Wie Timmy 🐾 zu uns kam – oder: Manchmal kommt es anders als geplant

Eigentlich darf man das ja keinem erzählen.

Meine Frau und ich hatten einen Plan.

Wenn wir irgendwann in Rente sind, kaufen wir uns einen Hund.

Ganz vernünftig. Ganz entspannt. Ein Labrador sollte es werden. Viel Zeit, viel Platz, und wenn wir beide nicht mehr arbeiten müssen, dann passt das doch perfekt.

So zumindest der Plan. Aber Pläne sind bekanntlich dazu da, geändert zu werden.

Und während meine Frau und ich noch weit davon entfernt waren, in Rente zu gehen, fing ich schon einmal an, mich ein bisschen auf verschiedenen Portalen nach einem Labrador umzusehen.

Nur mal gucken. Natürlich.

Und irgendwann machte ich genau das, wovon einem eigentlich alle abraten:

Ich schaute bei Kleinanzeigen. Ein Bild. Mehr nicht.

Es war der 05.01, ein Samstag im Januar 2019.

Ich stöberte also durch die Anzeigen und entdeckte plötzlich einen Labrador, der abgegeben werden sollte.

Die Anzeige bestand aus genau einem einzigen Bild.

Keine ausführliche Beschreibung. Keine lange Geschichte. Einfach ein Bild und ein paar Zeilen. Ich zeigte die Anzeige meiner Frau. Sie überlegte genau zwei Sekunden.

Dann sagte sie sinngemäß: „Fahr los und hol den Hund.“

Tja, was soll ich sagen?

Kurz darauf saß ich im Auto und machte mich auf den Weg. Knapp 130 Kilometer nach Ochtrup.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich dort nicht einfach nur einen Hund abholen würde.

Ich klingelte an einem Einfamilienhaus und sofort ging es los.

Ein Gebelle, als würde hinter der Tür eine ganze Hundestaffel auf ihren Einsatz warten.

Mein erster Gedanke: „Oh nee …“

Innerlich hatte ich den Hundekauf eigentlich schon wieder verworfen. Dann öffnete mir ein älterer Herr die Tür.

„Entschuldigung wegen des Gebelles“, sagte er. „Aber mein Jonas macht das schon immer, wenn einer bei uns klingelt.“

Jonas war ein Cockerspaniel. Und Jonas hatte offensichtlich eine sehr klare Meinung darüber, wer an diesem Tag das Haus betreten durfte.

Im Flur erklärte man mir, dass der Labrador oben im ersten Stock in seinem Zimmer sei und der Sohn ihn gerade holen würde.

Und genau in diesem Moment hörte ich es.

Gerumpel. Von oben. Es klang, als würde eine Horde Pferde die Treppe herunterkommen.

Ich dachte schon, jetzt wird es interessant, doch dann kam um die Ecke ein Hund.

Nur einer, aber was für einer!

Tschengens

Der Labrador hieß damals Tschengens. Und Tschengens war groß.

Sehr groß. Viel größer, als ich mir einen Labrador vorgestellt hatte.

Mein erster Gedanke:

„Nee. So einen großen Hund wollte ich eigentlich nicht.“

Dieser Gedanke hielt ungefähr so lange, bis Tschengens vor mir stand.

Er legte sich vor meine Füße. Auf den Rücken. Und schaute mich an.

Da war es eigentlich schon vorbei. Tschengens hatte mich gefangen.

Also nahm ich ihn mit.

Beim Verlassen des Hauses wurde mir noch mit auf den Weg gegeben, dass Tschengens nicht besonders gut an der Leine gehen könne.

„Das ist schon schwierig“, hieß es.

Er sei sogar am Tag zuvor bei einer Frau gewesen, die ihn noch am selben Tag wieder zurückgebracht hatte. Wegen dem ziehen an der Leine.

Ich dachte mir: „So schlimm wird es schon nicht sein.“

Oh doch. Es war schlimmer.

Tschengens zog an der Leine wie ein alter Lanz-Trecker.

Unglaublich, welche Kraft dieser Hund hatte.

Und während ich mich noch fragte, wie man so einen Hund eigentlich bändigen soll, ahnte ich noch nicht, was dieser Kerl in seinem bisherigen Leben alles erlebt hatte.

Ein trauriger Start ins Leben.

Tschengens war ein sogenannter „Scheidungshund“.

Er war als Welpe angeschafft worden. Kurz nach der Hochzeit trennten sich seine Besitzer. Und plötzlich hatte niemand mehr wirklich Zeit für den Hund.

Also kam er zum Vater des Paares. Doch auch dort fehlte die Zeit und offenbar auch die Lust, sich richtig um ihn zu kümmern.

So verbrachte der arme Kerl fast zwei Jahre in einem Zimmer im ersten Stock.

Zweimal am Tag durfte er hinaus in den Garten, um sein Geschäft zu erledigen.

Mehr war von seinem Hundeleben kaum übrig.

Wenn man das hört, tut es einem einfach nur weh.

Denn dieser große Labrador hatte eigentlich alles mitgebracht, was ein Hund braucht:

Liebe. Vertrauen. Lebensfreude. Und vor allem ganz viel Zuneigung.

Er hatte nur bisher kaum jemanden, der ihm das zurückgab.

Als ich mit Tschengens wieder zu Hause in Krefeld ankam und meine Frau ihn zum ersten Mal sah, war eigentlich sofort klar:

Das könnte sehr gut werden. Und natürlich musste sich etwas ändern.

Als Erstes bekam er einen neuen Namen. „Tschengens“ war für uns einfach ein etwas ungewöhnlicher Name.

Also entschieden wir uns für: Timmy ❤️

In unserer Familie hatte es schon einmal einen Labrador namens Timmy gegeben.

Ein unglaublich freundlicher Hund. Und irgendwie passte der Name.

Also hieß Tschengens ab diesem Tag: Timmy.

Und ich glaube, er wusste ziemlich schnell, dass er jetzt wirklich angekommen war.

Erst einmal alles auf Anfang

Da sich seine früheren Besitzer zerstritten hatten, waren auch die Papiere des Hundes ein Problem.

Sie lagen bei der ehemaligen Besitzerin, die sie nicht herausgeben wollte.

Also mussten wir praktisch alles neu organisieren.

Impfungen. Unterlagen. Tierarzt.

Und natürlich wurde dabei auch festgestellt, dass Timmy noch nicht einmal gechippt war.

Es gab also einiges nachzuholen. Aber eines mussten wir nicht nachholen:

Vertrauen.

Denn Timmy war vom ersten Tag an ein unglaublich lieber und braver Hund.

In der Wohnung ging er an nichts ran. Er machte nichts kaputt.

Er hörte sehr gut. Eigentlich war er der perfekte Hund.

Eigentlich.

Denn dann gingen wir vor die Tür. Der Lanz-Trecker war wieder da

Sobald die Haustür aufging, wurde aus unserem braven Timmy plötzlich wieder der Lanz-Trecker.

Und zwar einer mit ordentlich PS.

An der Leine zu gehen war für ihn offenbar keine Spaziergangsart, sondern eine sportliche Herausforderung.

Er zog. Und zog. Und zog.

Meine Frau ist dabei mehr als einmal hingefallen. Aber eines hat sie nie getan:

Aufgegeben.

Zweimal in der Woche ging es zur Hundetrainerin und zusätzlich wurde jeden Tag stundenlang zu Hause trainiert.

Beziehungsweise draußen. Beziehungsweise überall.

Und wenn ich sage, dass wir fast zwei Jahre gebraucht haben, bis Timmy vernünftig an der Leine laufen konnte, dann muss ich ehrlich sein:

98 Prozent davon waren meine Frau.

Sie hat unglaublich viel Geduld, Zeit und Liebe investiert.

Und irgendwann war es tatsächlich so weit: Timmy konnte an der Leine laufen.

Ohne dass uns dabei der Arm ausgekugelt wurde.

Ein kleiner Sieg. Für uns. Und vor allem für Timmy.

Das Leben meinte es nicht immer gut mit ihm.

Leider blieb Timmy auch gesundheitlich einiges nicht erspart.

Zwischendurch riss er sich beide Kreuzbänder. Gottseidank nicht gleichzeitig.

Das wäre eine Katastrophe gewesen.

Schön nacheinander. Wie es sich gehört. Es folgten Operationen, Schonzeiten und viel Geduld.

Aber auch das haben wir gemeinsam geschafft.

Heute ist Timmy unser Familienmitglied

Im Januar 2027 wird er 10 Jahre alt.

Und wenn wir zurückblicken, können wir kaum glauben, wie sich sein und unser  Leben verändert hat.

Aus einem Hund, der fast zwei Jahre in einem Zimmer leben musste, wurde ein Familienhund.

Aus Tschengens wurde Timmy.

Aus dem „Lanz-Trecker“ wurde ein ziemlich gut erzogener Labrador.

Und aus einem Hund, den jemand nicht mehr haben wollte, wurde für uns

die weltbeste Fellnase. ❤️

Leider merkt man ihm inzwischen sein Alter an.

Zu den Problemen mit den Kreuzbändern ist mittlerweile auch eine starke Arthrose gekommen. Ins Auto zu springen fällt ihm nicht mehr so leicht.

Auch Treppen nach oben oder unten werden zunehmend schwieriger.

Also passen wir uns an. Wir machen es Timmy so einfach und angenehm wie möglich.

Heben ihn, wenn es nötig ist. Helfen ihm bei den Treppen.

Nehmen Rücksicht auf seine langsameren Tage und genießen vor allem die Tage, an denen er einfach nur neben uns liegt und zufrieden ist.

Manche Hunde finden ein Zuhause. Andere werden zu einem Zuhause.

Timmy gehört für uns eindeutig zur zweiten Sorte.

Wenn ich heute daran zurückdenke, wie ich damals an diesem Samstag im Januar 2019 vor diesem Haus in Ochtrup stand und beim Gebell von Jonas schon dachte: „Oh nee, das wird nichts.“

Dann muss ich heute darüber lachen.

Denn wenige Minuten später lag ein riesiger Labrador vor meinen Füßen auf dem Rücken. Und damit war eigentlich alles entschieden.

Wir haben damals vielleicht gedacht, wir hätten Timmy ausgesucht.

Aber wahrscheinlich war es genau andersherum. Timmy hat uns ausgesucht.

Und dafür sind wir bis heute unendlich dankbar.

Wir hoffen, dass uns unsere weltbeste Fellnase noch viele schöne Jahre begleitet.

Mit seinen großen Augen. Seinem treuen Blick. Seinem manchmal etwas sturen Labrador-Kopf.

Und ganz viel Liebe.

Denn eines ist sicher:

Timmy ist nicht einfach nur unser Hund.

Timmy ist Familie. 🐾❤️

© by Rudi Geiss

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