Warum auch einfach, wenn es kompliziert geht?

Oder: Die unendliche Geschichte meines Tacho-Covers

Manchmal gibt es diese Projekte, bei denen man sich am Anfang denkt: „Das ist doch eine Kleinigkeit. Das mache ich mal eben schnell selbst.“

Und genau an dieser Stelle sollte man eigentlich hellhörig werden.

Denn aus „mal eben schnell“ wird erfahrungsgemäß sehr schnell „Warum mache ich diesen Scheiß eigentlich selbst?“ – und aus einem kleinen Problem entwickelt sich eine ausgewachsene Odyssee, bei der man am Ende mehr Zeit, Geld und Nerven investiert hat als ursprünglich geplant.

Aber fangen wir von vorne an. 😀

Am 13.08.2026 hatte ich hier im Blog über meine Triumph geschrieben. Unter anderem hatte ich mich darüber ausgelassen, dass das verchromte Tacho-Cover beim Fahren teilweise so extrem in der Sonne reflektiert, dass man fast den Eindruck bekommt, die Triumph hätte nebenbei noch einen kleinen Leuchtturmbetrieb eröffnet.

Sieht zwar schick aus, wenn das Motorrad irgendwo steht und die Sonne draufscheint – beim Fahren ist so ein blitzendes Chromteil vor der Nase allerdings weniger dekorativ und eher störend.

Meine erste Idee war deshalb denkbar einfach:

Das Ding wird mattschwarz. Was kann da schon schiefgehen?

Ich kaufte mir also eine Dose Mattschwarz und machte mich ans Werk. Schließlich ist so ein bisschen Farbe auf ein kleines Kunststoffteil sprühen ja nun wirklich keine Raketenwissenschaft.

Dachte ich. 🤣

Versuch Nummer 1

Ich habe das Cover vorbereitet, die Sprühdose geschüttelt und losgelegt.

Das Ergebnis?

Sagen wir es freundlich: Es hatte noch deutlich Luft nach oben.

Also eigentlich sehr viel Luft.

So viel Luft, dass ich mir das Ergebnis nicht freiwillig anschauen wollte. 😶‍🌫️

Also Lackentferner raus und wieder zurück auf Anfang.

Versuch Nummer 2

Man ist ja lernfähig.

Ich dachte mir: „Okay, beim ersten Mal hast du wahrscheinlich einfach irgendetwas falsch gemacht.“

Also neuer Versuch.

Diesmal mit noch mehr Sorgfalt.

Und was soll ich sagen?

Es sah wieder beschissen aus. Nicht „ein bisschen unsauber“. Nicht könnte man noch verbessern“.

Nein. Es sah so aus, als hätte jemand versucht, ein Tacho-Cover mit einer Dose Farbe und zwei Promille Restmotivation zu lackieren.

Also wieder Lackentferner.

Versuch Nummer 3

Spätestens jetzt hätte ein vernünftiger Mensch wahrscheinlich gesagt:

„Lass es.“

Ich hingegen dachte: „Jetzt erst recht!“

Also noch ein Versuch.

Und tatsächlich schaffte ich es, das Ergebnis der ersten beiden Versuche noch einmal auf eine völlig neue Ebene des optischen Grauens zu bringen. 🥴

Ich stand davor und musste mir eingestehen:

Der Beruf des Lackierers ist vermutlich nicht völlig grundlos mit einer dreieinhalbjährigen Ausbildung verbunden.

Da steckt offenbar doch etwas mehr dahinter als „Dose schütteln und draufhalten“.

Ich gab auf.

Zumindest vorerst.

Plan B: Der Profi soll ran

Nachdem ich nun drei Dosen Sprühlack mehr oder weniger erfolgreich in Lackentferner verwandelt hatte, kam mir eine geniale Idee:

Ich bringe das Cover einfach zu einem richtigen Lackierer.

Genial!

Problem gelöst.

Ich erklärte also mein Vorhaben und bekam eine Antwort, die ungefähr so viel Hoffnung verbreitete wie eine Wetter-App bei angekündigtem Dauerregen:

Das Teil wird nicht lackiert.

Warum? Weil es verchromt ist und die Farbe auf dem Chrom nicht vernünftig halten würde.

Abschleifen? Offenbar auch keine Option.

Mein schöner Plan B war damit schneller erledigt, als ich „Mattschwarz“ sagen konnte.

Aber ich bin ja hartnäckig.

Und wenn eine Idee nicht funktioniert, braucht man eben eine neue.

Plan C: Pulverbeschichten!

Natürlich! Pulvern!

Das klingt schließlich professionell. Pulverbeschichtung ist robust, sieht gut aus und hält ordentlich.

Also wieder Hoffnung. Leider hielt die Hoffnung nicht besonders lange.

Denn das Tacho-Cover ist aus Kunststoff. Und beim Pulvern wird es bekanntlich ordentlich warm – wir reden hier von ungefähr 200 Grad.

Bei diesen Temperaturen hätte mein Tacho-Cover vermutlich nicht einfach eine schöne schwarze Oberfläche bekommen.

Es hätte wahrscheinlich eine völlig neue Form angenommen.

Vielleicht wäre es anschließend ein Tacho-Cover gewesen. Vielleicht aber auch eine Schale. Oder ein Aschenbecher. Oder moderne Kunst.

„Triumph Tacho-Cover, Baujahr 2026, geschmolzenes Polymer, 200 Grad, unbezahlbar.“

Nein, Pulvern war also ebenfalls raus.

Plan D: Jetzt wird’s kompliziert

Inzwischen hatte ich für ein kleines Problem bereits mehrere Lösungswege ausprobiert:

  • selber lackieren – dreimal gescheitert,
  • Lackierer – macht es nicht,
  • Pulverbeschichten – Kunststoff sagt nein.

Langsam wurde aus dem kleinen Tacho-Cover eine persönliche Herausforderung.

Und dann kam mir die nächste Idee:

Folieren! Warum eigentlich nicht?

Das Cover muss nicht lackiert werden. Es muss nicht erhitzt werden. Und eine schwarze Folie sollte doch möglich sein.

Also machte ich mich auf den Weg zum Folienwerk in Krefeld-Bockum und fragte dort vorsichtig nach, ob man das gute Stück denn in Mattschwarz folieren könne.

Ich rechnete inzwischen mit allem.

Vielleicht: „Nein.“

Vielleicht: „Zu kompliziert.“

Vielleicht: „Das kann man nicht folieren.“

Vielleicht auch: „Warum haben Sie das nicht einfach von Anfang an folieren lassen?“

Stattdessen wurde das Cover kurz angeschaut. Ein paar Sekunden.

Und dann kam die Antwort:

„Ja. Kommen Sie nächste Woche wieder, dann ist es fertig.“

Ich war kurz sprachlos. Das war es?

Kein Lackierkurs? Keine 200 Grad? Keine chemische Keule? Keine drei gescheiterten Versuche?

Einfach nur Folie drauf. Fertig.

Eine Woche später …

Ich fuhr wieder zum Folienwerk.

Und tatsächlich:

Das Cover war fertig. Und was soll ich sagen? Es ist richtig gut geworden!

Mattschwarz, sauber verarbeitet und genau so, wie ich es haben wollte.

Ich stand da und dachte mir nur:

Warum bin ich da eigentlich nicht gleich drauf gekommen? 🤫

Die ganze Geschichte hätte wahrscheinlich ungefähr zehn Minuten gedauert, wenn ich direkt zum Folierer gefahren wäre.

Stattdessen habe ich:

drei Lackierversuche gestartet, mehrfach Lack wieder entfernt, Sprühdosen gekauft,

Zeit verbraten, einen Lackierer aufgesucht, über Pulverbeschichtung nachgedacht und wahrscheinlich mehr über die Materialeigenschaften eines Tacho-Covers gelernt, als ich jemals vorhatte.

Aber immerhin habe ich etwas gelernt. Und zwar gleich mehrere Dinge.

Erstens:

Nicht alles, was einfach aussieht, ist einfach.

Zweitens:

Es gibt einen Grund, warum bestimmte Berufe eine Ausbildung benötigen.

Und drittens:

Manchmal ist die einfachste Lösung tatsächlich die beste – man muss nur erst auf sie kommen.

Das Fazit

Am Ende hat die Sache dann doch noch ein glückliches Ende genommen.

Das Chrom ist verschwunden, die störenden Sonnenreflexionen sind Geschichte und das Tacho-Cover sieht in Mattschwarz richtig gut aus.

Und ich?🤷‍♂️

Ich bin um eine Erfahrung reicher. Und auch um ein paar Euro ärmer. Aber was soll’s. Man kann schließlich nicht alles wissen.

Und genau deshalb gibt es ja Fachleute.

Ich hätte mir natürlich viel Zeit, Nerven und Geld sparen können, wenn ich einfach gleich zum Folierer gefahren wäre.

Aber wo wäre dann der Spaß gewesen? Ich bin halt ein Oldie.

Und als Oldie braucht man schließlich ein bisschen länger, bis man die moderne Welt versteht.

Aber immerhin:

Ein Oldie, der wieder etwas gelernt hat. Und beim nächsten Mal, wenn ich vor einem kleinen Problem am Motorrad stehe und denke:

„Ach, das kann ich doch schnell selbst machen …“ werde ich mich hoffentlich an diese Geschichte erinnern.

Wobei …🤫

Wir wissen beide, dass ich wahrscheinlich wieder zuerst zur Sprühdose greife.

Man lernt ja schließlich nie aus.

Warum auch einfach, wenn es kompliziert geht?

© by Rudi Geiss

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